Schon sehr früh erwachte meine Leidenschaft für fremde Kulturen und mit ihr das große Fernweh und der Wunsch, die Welt zu erkunden. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mit acht Jahren einen Film über China sah: Die große Mauer, der Platz des himmlischen Friedens, der Kaiserpalast der verbotenen Stadt … Anfang der 80er Jahre war eine Reise nach China noch ein sehr exotischer Traum und nicht so leicht zu realisieren. Mein Wunsch aber wurde weiter genährt, als Jahre später der Film über den letzten Kaiser in die Kinos kam.
Und zu Weihnachten 1996 war es endlich so weit: Ich machte mich zusammen mit einer Gruppe auf den Weg in das ferne China.
Vieles hatte sich in der Zwischenzeit geändert: Große und zumeist luxuriöse Hotelbauten hatten ihren Platz in der Hauptstadt gefunden, und in den allgegenwärtigen Fahrradkolonnen schlängelten sich bei Tag und bei Nacht scheinbar Millionen von Menschen durch die Stadt. Propaganda prangte ungebrochen auf riesigen Plakatwänden, direkt neben Coca Cola-Werbung.
Auf dem Platz des himmlischen Friedens wurde der Countdown noch gezählt: Hongkong sollte nun wieder zu China gehören.
Auf den Plätzen flanierten Soldaten mit ihren Freundinnen, vor dem Mausoleum von Mao Zedong standen Hunderte von Menschen in Schlangen; die meisten von ihnen trugen noch die traditionellen Anzüge der Bauern, waren an ihren dicken, blau gesteppten Hosen und Jacken eindeutig zu erkennen.
Und von überall raunte es, wenn ich vorbeilief: „Vajomen, Vajomen“ = Ausländer, Ausländer.
Meine blonden Haare erregten Aufsehen, und viele Kinder wurden geschickt um mich anzufassen. Auf unzähligen Familienbildern fand ich mich eingehakt und in die Mitte gestellt, für das Familienalbum für die Ewigkeit auf Fotopapier gebannt. Für sie war das ein Erlebnis, das für mich kaum mehr vorstellbar war: Zum ersten Mal in ihrem Leben waren sie in die Hauptstadt gereist und hatten einen Ausländer gesehen.
Die verbotene Stadt war im Winter ein mystischer Ort: Nur wenige Touristen schlängelten sich durch die Höfe und Gassen, und es kam vor, dass Plätze wie leergefegt dalagen. In diesen Momenten hatte ich immer das Gefühl, im nächsten Moment müsste der letzte Kaiser mit seinem englischen Lehrer und dem Fahrrad um die Ecke gebogen kommen…